micro-MOOC: Ein neuer Ansatz im Bereich Corporate Learning

micro-moocKürzlich hatte ich die Chance, ein internationales Team von Sicherheitsexperten zu unterstützen, die hausinternen Schulungen zu überarbeiten, die das Team zur Vermittlung von Sicherheitsexpertise im Rahmen der Produktentwicklung anbietet.

Im Laufe des Projekts kristallisierten sich drei Fragestellungen heraus, die im Rahmen eines eintägigen Workshops für das Team adressiert werden sollten:
Lerntrends ausserhalb von Unternehmen Lerntrends ausserhalb von Unternehmen

  1. Wie können dem Team aktuelle Lerntrends näher gebracht werden?
    • Eine Herausforderung in vielen Unternehmen ist, dass aktuelle Lerntrends, die ausserhalb des Unternehmens entstehen, nur langsam in die Unternehmen vordringen. Vor allem die verschiedenen Varianten und Elemente der MOOCs sind hier zu nennen. Dies bedeutet, dass die Vorteile und der Wert dieser Ansätze nicht bekannt sind. Bevor die internen Schulungen überarbeitet werden, muss das Team also verstehen, welche neuen Ansätze hierfür einen Mehrwert liefern könnten.
    Barrieren für die Adaption von Lerntrends Barrieren für die Adaption von Lerntrends
  2. Wie können aktuelle Lernformate für das Corporate-Umfeld angepasst werden?
    • Die Erfahrung hat gezeigt, dass viele Lerntrends, die derzeit entstehen, nicht direkt in den Unternehmenskontext übertragbar sind. Beispielsweise sind MOOCs (die stark durch den universitären Kontext geprägt sind) oftmals im Unternehmen nicht praktikabel. Eine Dauer von 6 oder mehr Wochen können viele Mitarbeiter parallel zum Tagesgeschäft nicht durchhalten. Daher müssen neue Formate entwickelt werden, die die gewinnbringenden Elemente neuer Lernansätze in den Unternehmenskontext überführen.
  3. Wie kann die Empathie für Nicht-Experten verbessert werden?
    • Das bisherige Schulungsangebot des Teams war nicht rollenspezifisch und richtete sich vor allem an die Vermittlung von Fachwissen an andere bzw. angehende Sicherheitsexperten und Entwickler. Um das Unternehmensziel sicherer Produkte aber besser zu unterstützen, müssen auch nicht-Experten wie z.B. Produktmanager in bestimmten Sicherheitsfragen geschult werden. Hier hat sich gezeigt, dass sich Experten durchaus schwer tun, zu verstehen, wie ein komplexes Thema wie Sicherheit an nicht-Experten zu vermitteln ist.

Die Aufgabenstellung

Da die primäre Herausforderung des Workshops die Vermittlung aktueller Lerntrends war, habe ich mich entschieden das Gelernte direkt durch die Teilnehmer anwenden zu lassen. Also habe ich als zentrale Aufgabenstellung für den Workshop folgendes Thema gewählt:

Gestalte eine Lernerfahrung für eine (gegebene) Zielgruppe, inkl. eines kurzen Videos.

Das Video sollte hierbei ohne großen technischen Aufwand mittels Smartphone-Kamera erstellt werden.

Die Frage der Zielgruppe habe ich mit der dritten Herausforderung – der Empathieentwicklung – verbunden. Dies soll hier zunächst ausgeklammerten werden. Ich werde im nächsten Beitrag erläutern, wie ich hier vorgegangen bin.

Was ist ein micro-MOOC?

Bei der anschließenden Entwicklung des Workshops habe ich mich entschlossen, die ersten beiden Fragen miteinander zu verknüpfen und den Workshop nach Maßgabe aktueller Trends zu gestalten. Herausgekommen ist ein micro-MOOC. Im Web gibt es für meinen Ansatz keine eindeutige Bezeichnung. Es gibt mini-, micro- und sogar ultra micro-MOOCs. Da ich kein neues Akronym erfinden wollte, erkläre ich lieber, was ich hierunter verstehe.

Den micro-MOOC habe ich wie folgt ausgestaltet:

  • eintägiger Präsenzworkshop
    • Im Gegensatz zum klassischen MOOC, der i.d.R. rein virtuell und online abläuft, habe ich die Chance genutzt, dass das gesamte Team zweimal jährlich zu einem Workshop trifft. Der Vorteil der Präsenzveranstaltung liegt in der Möglichkeit gemeinsam und konzentriert an einem Thema zu arbeiten.
  • Arbeit in Teams von 3-4 Personen
    • Ein Element vieler MOOCs ist es, dass Lösungen zu gegebenen Fragestellungen in Teams erarbeitet werden. Dies steigert nicht nur die Motivation, sonder erlaubt es auch, bessere Lösung durch das Einbringen unterschiedlicher Sichtweisen und Erfahrungen zu gewinnen. Das gesamte Team habe ich daher in kleine Teams von 3-4 Personen aufgeteilt. Dies ist eine Größe, bei der zum einen genügend Ideen und unterschiedliche Ansichten zusammen kommen. Auf der anderen Seite ist bei dieser Größe das Risiko gering, dass sich einzelne Mitglieder verstecken, bzw. die Arbeit durch dominantere Mitarbeitern überlagert wird.
  • Videoanleitungen für die Präsenzübungen (Stichwort: Blended Learning)
    • Einer der wesentlichen Trends und erfolgreichen Ansätze ist für mich die Verbindung von virtueller und realer Welt. In diesem Sinn habe ich den gesamten Workshop gestaltet. In kurzen Videoanleitungen habe ich Themen eingeführt und den Teams Aufgabenstellungen erläutert. Diese Aufgabenstellungen mussten die Teams dann bearbeiten und die Ergebnisse (z.B. als Fotos von Ideensammlungen) hoch laden und so dem gesamten Team zur Verfügung stellen. Der zeitliche Anteil der Videos machte hierbei weniger als 1/4 der Gesamtzeit aus.
      Der überwiegende Teil der Zeit wurde somit nicht vor dem Rechner, sondern im Raum mit der Bearbeitung der Aufgaben verbracht.
  • eigenverantwortliche Zeiteinteilung (Stichwort: self-paced Learning)
    • Jedes Team hatte die Chance, die gestellten Aufgaben in eigener zeitlicher Verantwortung zu bearbeiten. Lediglich das gemeinsame Ende mit Vorstellung der Ergebnisse wurde festgelegt. Für jede Aufgabe habe ich entsprechende zeitliche Richtwerte ausgegeben, so dass der gesamte Workshop auch wirklich an einem Tag zu bewältigen war.
  • Nutzung von Web-Ressourcen
    • Es ist nicht immer notwendig, alle Informationen selbst auf zu arbeiten. Im Internet gibt es viele qualitativ hochwertige Ressourcen, die man nutzen kann, um neue Impulse in das Unternehmen zu bringen. In diesem Fall habe ich auf einige TED Talks, Youtube Videos und Blog-Beinträge für die Wissensvermittlung eingebaut. Für deutsche Unternehmen kann dieser Ansatz allerdings begrenzt sein, da viele der exzellenten Inhalte nur auf Englisch zur Verfügung stehen.
  • MOOC-artige Plattform basierend auf WordPress
    • Zu einem micro-MOOC gehört die Erfahrung einer aktuellen (State-of-the-Art) Benutzeroberfläche wie sie bei den großen MOOC-Plattformen zu finden ist. In diesem Fall wurde der micro-MOOC auf einer WordPress-basierenden Lösung umgesetzt. Diese Lösung konnte als Prototyp schnell und ohne große Kosten umgesetzt werden, da die benötigten Plugins kostenfrei verfügbar sind. Als Vorbild für das Navigationsparadigma wurde die Coursera-Plattform gewählt.

Umsetzung des Workshops

Ablauf

Ablauf des micro-MOOCs Ablauf des micro-MOOCsDer Ablauf des Workshops soll hier nur grob anhand des folgenden Bildes skizziert werden. Mehr Details hierzu im nächsten Beitrag.
 

micro-MOOC Plattform

Wordpress-Plattform für micro-MOOC Wordpress-Plattform für micro-MOOCEinen Eindruck der WordPress-basierten Plattform liefert das folgende Bild. Dabei wurden die Anleitungen nach Kapiteln zusammengefasst. Die Videos erscheinen – ähnlich wie bei Coursera – in einer Lightbox (d.h. in einem dem Hauptfenster übergelagerten Bereichs, der auch die Navigation zwischen den Videos erlaubt. Neben dem eigentlichen Inhalt des micro-MOOCs werden auf der Plattform weitergehende Inhalte (Videos und Web-Ressourcen), ein Bereich zum hoch laden der Ergebnisse und ein Diskussionsforum zur Verfügung gestellt.
 

Videoproduktion

Do-it-yourself Videoproduktion für micro-MOOC Do-it-yourself Videoproduktion für micro-MOOCDie Anleitungsvideos habe ich im Stil Do-it-yourself im eigenen kleinen Studio erstellt. Hierfür reicht eine Ausrüstung, die in vielen Unternehmen vorhanden ist. Hierzu gehören eine handelsübliche Videokamera mit externem Mikrofon, einfache Videoleuchten, selbsterstellt Folien und ein Videoschnittprogramm wie Final Cut Pro. Hierüber hinausgehend habe ich einen grünen Vorhang als Greenscreen für die Freistellung im Video genutzt.
 

Beobachtungen und Feedback

Da die Teilnehmer die Aufgabenstellung des Workshop selbstverantwortlich bearbeiteten, konnte ich die Zeit nutzen, um die Teams hierbei zu beobachten. Folgende Punkte sind hierbei aufgefallen:

  • – die Selbstorganisation der Teams funktioniert nicht
    • Der Versuch, die Teams sich selbstorganisiert in 3er bzw. 4er Teams einzuteilen, funktioniert nicht. Hier musste ich eingreifen und eine Einteilung vornehmen.
  • + Thema kommt gut an, vor allem der Ansatz „Spaß mit ernstem Hintergrund“
    • Das Thema wurde so gewählt, dass ein wesentlicher Aspekt der Spaß beim Lernen ist. Allerdings wurde den Teilnehmern der ernste Hintergrund durchaus bewusst. In dieser Kombination hat sich das Konzept bewährt.
  • – Teams wollen sofort Video drehen —> Denken in Lösungen, statt erst das Problem verstehen
    • Die Teilnehmer habe aus der Einleitung mitgenommen, dass als Ziel des Workshops ein Video erstellt werden soll. 3 von 5 Teams haben direkt bei der ersten Aufgabe mit dem Video begonnen, obwohl in der Aufgabenstellung gar keine Rede hiervon war.
  • + Teams arbeiten sehr engagiert —> Manager sehr zufrieden
    • Nach kurzem Eingreifen und Klarstellung bzgl. der Videoproduktion arbeiten die Teams sehr engagiert, was vor allem der Manager des Teams zufrieden feststellt.
  • + es gibt keine Fragen zur inhaltlichen Klärung —> Anleitungen / Aufgaben sind hinreichend selbsterklärend
  • + Videoproduktion mit Smartphones kein Problem
    • Die Videoproduktion mithilfe von Smartphones stellt in keinem der Teams ein Problem dar.

Im Anschluss an den Workshop gab es sehr positives Feedback von den Teilnehmern. Vor allem folgende Punkte wurde herausgestellt:

  • Der Blended Learning Ansatz wird als die Zukunft des Lernens wahrgenommen.
  • Die zeitliche Autonomie der Teams kommt sehr positiv an, da die Teams selbst entscheiden können, wo sie Zeit für Diskussionen brauchen und wo sie schneller vorangehen können.
  • Die Integration der TED Talks und die damit verbundenen Impulse wird als sehr positiv wahrgenommen.
  • Das Ziel, die Empathie für nicht-Experten zu steigern, wird als erreicht bestätigt.

Ausblick

Aus meiner Sicht ist das Konzept des micro-MOOCs voll aufgegangen und zeigt so einen möglichen Weg, aktuelle Lerntrends für den Unternehmenskontext zu adaptieren. Die Teams können (nach leichter Optimierung des Workshops) die Aufgaben in Eigenregie abarbeiten und benötigen daher keinen Coach/Trainer. Sicher geht dies nicht für jedes Thema. Die Bandbreite an möglichen Themen für einen micro-MOOC sollte aber trotzdem groß genug sein.

Die Verbindung von physischem Zusammenkommen der Teams und virtueller Anleitung ist aus meiner Sicht ein entscheidendes Erfolgskriterium. Die wesentliche Herausforderung ist daher, im Unternehmen Situationen zu schaffen, in denen Lernteams für einen micro-MOOC zusammen kommen können.

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