Jugend und Digitalisierung (Teil 1)

Vom 10. bis 18. Oktober fand die Code Week 2015 statt – eine europaweite Aktionswoche, um Kinder und Jugendliche an das Thema Programmieren heran zu führen. In diesem Rahmen habe ich 3 Roboter-Workshops für die neuen Fünftklässler an der Nordseeschule in St. Peter-Ording gegeben (hier ein Bericht aus den Husumer Nachrichten). Dies möchte ich zum Anlass nehmen, das Thema Jugend und Digitalisierung etwas näher zu beleuchten. Im ersten Teil geht es um die Frage, warum sich Kinder und Jugendliche mit dem Thema Softwareentwicklung beschäftigen sollten.

Digitalisierung: Die eigenen Chancen verstehen

Digitalisierung: BasketBot

Ein Lego Roboter, dem die Kinder das Basketballspielen beibringen.

Was ist die Motivation, bereits 10 – 11-jährige an das Thema Programmieren heran zu führen? In erster Linie gilt es, die Kinder und Jugendlichen für die Chancen, die die Digitalisierung bietet, zu sensibilisieren. Gerade im ländlichen Raum wird häufig beklagt, dass die Jugendlichen nach der Schule für Studium oder Ausbildung fortziehen und keine Perspektive mehr für eine Rückkehr in die Heimat sehen. Hier bietet die Digitalisierung neue Möglichkeiten: Viele der digitalen Berufsfelder können praktisch von jedem beliebigen Ort der Welt aus ausgeführt werden. Man ist nicht mehr an klassische Produktionsstätten gebunden.

Gleichzeitig werden im ländlichen Raum Jugendliche im Vergleich zum städtischen Umfeld weniger mit digitalen Themen konfrontiert. Dies liegt nicht zuletzt an der bestehenden Wirtschaftsstruktur. Um so wichtiger ist es, die Kinder und Jugendlichen gerade dort für das Thema zu begeistern und ihnen die Chance für eine spätere Rückkehr zu eröffnen.

Und mit den Roboter Workshops hat sich unsere Vermutung bestätigt: Mit dem richtigen Ansatz kann man die Schüler bereits frühzeitig erreichen. Mehr als die Hälfte der gymnasialen Fünftklässler haben teilgenommen und waren mit viel Engagement und Spaß bei der Sache.

Natürlich erwarte ich jetzt nicht, dass die Schüler später alle Softwareentwickler oder Roboteringenieure werden. Es geht im ersten Schritt darum, ihnen eine Tür zu öffnen. Warum dies wichtig ist, möchte ich kurz erläutern.

Ist die Jugend nicht schon digital?

Digitalisierung: Lego Mindstorms Programm

Ein einfaches Programm, dass dem Roboter beibringt, im Spielfeld zu bleiben.

Wer Kinder und Jugendliche beobachtet, ist häufig fasziniert, wie unbefangen sie mit neuen Technologien umgehen. Kaum ein Schüler an den weiterführenden Schulen, der nicht ein Smartphone besitzt. Menschen, die sich mit neuen Technologien schwer tun, könnten dem Eindruck erliegen, die Jugend wäre bereits gut für die Digitalisierung vorbereitet. Sogar die Bezeichnung der aktuellen Generation als „Digital Natives“ suggeriert dies. Aber:

Wer die Digitalisierung auf die Nutzung von Smartphones und Sozialen Netzwerken beschränkt, verkennt die wahren Chancen. Denn hierbei handelt es sich lediglich um den Konsum digitaler Angebote. Erst die Entwicklung und Bereitstellung solch digitaler Inhalte und Angebote bedeutet Wertschöpfung.

Hierauf werden unsere Jugendlichen aber nicht (systematisch) vorbereitet.

Fakt ist aber auch: Um unseren Wohlstand zu erhalten, benötigen wir Wertschöpfung in Deutschland. Und immer mehr Wertschöpfung wird über digitale Angebote generiert. Doch diese digitale Wertschöpfung geschieht zunehmend ausserhalb Deutschlands (Facebook, Amazon, WhatsApp, Netflix, Google, …). Mal ganz davon abgesehen, dass einige dieser Anbieter über das Thema autonomes Fahren den Kern der deutschen Industrie angreifen.

Viele neue Berufsbilder entwickeln sich

Was viele noch nicht wissen: Das Berufsbild des „Softwareentwicklers“ hat sich inzwischen grundlegend gewandelt. Es haben sich hieraus eine Vielzahl neuer Betätigungsfelder entwickelt. Früher war Softwareentwicklung ein sehr technischer und abstrakter Vorgang, dominiert von den Ingenieurs- und Naturwissenschaften. Das Resultat war nicht selten zwar gut funktionierende, aber extrem schwer zu bedienende Software. Sicher, die Nerds gibt es immer noch. Aber sie werden dort eingesetzt, wo technische Probleme zu lösen sind.

Heute kommt keine erfolgreiche Software mehr umhin, die Bedürfnisse des Benutzers zu berücksichtigen. Hier kommen ganz neue Berufsfelder zum tragen, die sich genau um diese Bedürfnisse kümmern (Produktdesigner, User Interface Designer, User Interaction Designer, Design Thinking Coaches). Auch die Kreativität kommt dabei nicht zu kurz. Und diese neuen Berufsfelder bieten gerade für Mädchen und Frauen neue Chancen, denen die technische Seite der Softwareentwicklung häufig nicht so sehr liegt.

Worum geht es also?

In erster Linie geht es also darum, die Kinder und Jugendlichen für das Thema zu öffnen und zu begeistern – und das Ganze möglichst spielerisch. Es geht nicht um komplexe Algorithmen, sondern die Erfahrung, dass man durch Softwareentwicklung gestalterisch tätig werden kann. Roboter sind besonders gut geeignet, da sie eine Brücke zwischen virtueller Welt (Software) und Aktionen in der realen Welt bilden. Es gibt aber auch zahlreiche andere Ansätze und Initiativen, Kinder und Jugendliche an das Thema heran zu führen. Zum Beispiel die Programmierumgebung Scratch, die Initiative AppCamps oder die Hacker School.

Warum muss es schon mit 10 Jahren sein?

Die erste Antwort auf diese Frage: Weil es funktioniert. Sogar noch jüngere Kinder kann man über Umgebungen wie Scratch an das Programmieren heran führen. Die zweite Antwort lautet: Die Erfahrung verschiedener Initiativen zeigt, je älter die Kinder werden, desto schwieriger wird es, sie für so etwas zu begeistern. Dies betrifft nicht nur digitale Themen, sondern auch andere Aktivitäten wie Sport und Musik. Neben anderen Interessen nimmt die Schule dann immer mehr Raum ein. Daher fokussieren viele Initiativen auf das Alter zwischen 11 und 15 Jahren.

Im zweiten Teil dieses Beitrags geht es darum, welche Rolle die Schule bei der Digitalisierung spielt.

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